"Die Milchmädchenblogger"

Ist im Grunde ein Blog nicht immer Werbung für irgendwas? Wenn ich in ein Restaurant gehe und dann über das leckere (oder auch nicht) Essen berichte usw. ist es ja auch eine Werbung. Oder wenn ich schöne Fotos von Blumen mache, dass ist es Werbung für meine Cam (wie oft wurde ich deswegen angeschrieben?). 

Jamie Oliver! Wie viele haben sich schon wegen mir ein JO Buch gekauft? :D Theoretisch könnte ich ja Geld von ihm verlangen… 

Wenn jemand über einen Film, Musik, Theater etc. berichtet, ist auch alles Werbung.

Also: lieber gar nicht bloggen oder über etwas bloggen, was keine Werbung ist – Aber was ist das?

Ich berichte über meine Dinge (z.B. auch die mytheresa oder LVR Werbung) aus reiner Überzeugung; ich kriege kein Geld dafür. Aber was passiert, wenn man von zig Firmen angeschrieben wird, mit der Bitte über das T-Shirt, Schmuck, Tagescreme usw. zu werben? Was kriegt man dafür? Geld? Klicks? Anerkennung? 

Zu diesem Thema hat Mary Scherpe bei dem FashionCamp in Wien einen Vortrag gehalten: 

http://www.ustream.tv/flash/video/9811175?v3=1

Einen sehr treffenden Artikel über dieses heikle Thema hat Lisa Thiele verfasst:

Süß und unschuldig schaut das Milchmädchen von der Verpackung der Kondensmilch. Süß schmeckt die klebrige Soße aus der Tube. Eher herb und bitter ist die Bilanz, die man zu den sogenannten Milchmädchenbloggern/Innen zieht. 

Mary Scherpe hat auf dem FashionCamp in Wien einen kritischen Beitrag geliefert und ein hervorragendes Beispiel für neue Inhalte in der Modeblogosphäre losgetreten. Ein zehnminütiger bebilderter Beitrag von Mary führt dem Zuhörer das Klischee des Milchmädchens vor Augen. Süß und unschuldig schaut die Milchmädchenbloggerin vom Bildschirm – aber es geht dieses mal nicht um zuckersüße Kondensmilch.

Es geht um Alkohol, auch mal ein Kleid, um ein Glitzerhandy, um langweilige T-Shirts – um Produkte. Um genau zu sein geht es um Werbung!


Mary Scherpe erklärt die Spezies Milchmädchenblogger (im Hintergrund) und wieso das nicht geht. (Screenshot)

 Aufhänger der Diskussion ist die Aktion einer bekannten Champagnermarke. Die Marke stellte einen neuen Celebrityblog in’s Internet. Sowas geschieht täglich, interessiert niemanden und bedarf daher einiger Unterstützung. Autorin des Corporate-Blogs ist Julia Knolle die ehemalige Bloggerin des bekannten deutschen Modeblogs Lesmads. Schnell ist eine Flasche Champagner an andere Bloggerinnen verschickt, mit der Bitte einen Link zum neuen Blog zu setzen. Die Flasche à 30 Euro würde normalerweise nie in den Einkaufskörben des durchschnittlichen Milchmädchenbloggers landen. Selbstverständlich freuen sich die “auserwählten” Milchmädchenblogger über das Zuteilwerden solcher Luxusgüter. Jetzt gehört man dazu! Über die Bildschirme der Blogleser flimmern in den kommenden Wochen unendliche verspielte Varianten zur Champagnerflasche. Ganz klar gibt es da Werbung zu sehen. Mary Scherpe bringt die Fakten auf den Tisch: die Milchmädchenblogger haben dafür keinen Cent gesehen!

Diese Milchmädchenrechnung bringt unterm Strich für die Firma eine Menge sehr relevanten Traffic und das umsonst. Für die Milchmädchenblogger kein Geld und genausowenig Inhalte – nur einen schweren Kopf. Die Firma hat die gängigen Regularien und Formalitäten, zielgruppenspezifische Werbung zu schalten, geschickt umgangen und billigste Werbung mit hoher Relevanz für lau.

  



Auf Dandy Diary wird vor Pariser Kulisse knallhart bebildert, wie die Blogger in den Arsch gefickt werden. (by Christoph Turk via dandydiary.de)

Einen knallharten Beitrag gab es zu eben jenem Thema vor einiger Zeit bereits bei Dandy Diary.

Mit vollem Körpereinsatz demonstriert David auf den Photos wie sich die Blogger von der Werbeindustrie “in den Arsch ficken lassen”. Auch Mary bringt es auf den Punkt: Die Milchmädchenblogger sind schön blöd, wenn sie sich unter Wert verkaufen! 

Den Anfragen der PR-Agenturen zur Bewerbung von Labels, Produkten und Aktionen sollen die Blogger konkrete Forderungen entgegensetzen. Sonst entwickelt sich die redundante Masche von Facebook-Gewinnspielen, Verlosungen, Gutscheincodes und anderem Goodiezeug zur Heuschreckenplage in der Blogsphäre. “In anderen Blogsphären wurden diese Diskussionen schon vor langer Zeit angesprochen,” sagt Mary. Es wird Zeit, dass das Alter vor Unwissenheit nicht schützt. So sehen das auch Anna und Kathrynsky in ihrem aktuellen Dialog. Es ruft nach einer Schulung der neuen Milchmädchenblogger! Die Alten müssen ihre Kenntnisse und Erfahrungen teilen. Einen Opener dazu geben die Eckpunkte, die Mary für Stil in Berlin bekannt gibt: Für ein ausgewiesenes Advertorial – also ein geplantes Shooting mit Platzierung der Marke – bekommt die bekannte Streetstylebloggerin 1500 Euro. Ganz klar versauen Milchmädchenblogger mit ihren kostenlosen Werbeplatzierungen der ganzen Branche die Preise. Vielleicht liegen daher die Gewinnspannen durch Werbung in der Modebloggerszene unterhalb denen anderer Blogszenen?

Und natürlich geht es bei Mode immer um Produkte und Marken. Umso wichtiger ist die Auseinandersetzung und Trennung zwischen redaktionellen Inhalten und Werbeinhalten. Welche Produkte habe ich selber gewählt und bei welchen wurde ich aktiviert, sie zu wählen? Blogger sind keine Journalisten, laufen diesen in vielen Gebieten jedoch den Rang ab. Damit tragen sie eine zunehmende Verantwortung und sollten sich freiwillig mit Werten und dem Codex des Publizierens vertraut machen. Denn die Frage nach den Werten der Blogger begrenzt sich ganz sicher nicht auf zählbare Geldscheine.

Den immateriellen Gewinn, den sich vermeintlich jüngere MilchmädchenbloggerInnen vom Posten erhoffen, wird von den Gästen beim Wiener FashionCamp sehr diffus umrissen: Dazugehören, Freunde finden und Anerkennung bekommen. Aber durch eine standardisierte Werbemail einer PR-Praktikantin, die salopp den tollen Blog lobt, sollte man auf die Dauer keine Anerkennung erwarten. Ist es eine Verstrickung fehlgeleiteter Illusionen und Emotionen, die die Milchmädchenblogger motiviert?

Viel wichtiger ist die Erkenntnis einer der Bloggerinnen, die für ihre Fähigkeit über Mode zu schreibenbekannt ist: Blica. In Ihrem Beitrag 

zum FashionCamp stellt sie zufrieden fest, dass sie mit ihrem Blog keinen Cent, keinen Schluck Schampus und kein einziges Kleidchen eingesackt hat. Und ganz ehrlich, ist das die herrausragende Qualität ihres Blogs. Wer seine Leser mit vermeintlichen “Entdeckungen” nervt oder gar heimlich Werbung auf seinem Blog macht, der hat langfristig keine Chance.



Mach dich nicht zum Milchmädchen – du wirst nur gemolken (Bild via beesandballons


Fest steht, dass innerhalb kurzer Zeit Blogs einen Boom erfahren haben und täglich unzählig viele neue Blogs hinzukommen. Das bringt neue Probleme und Fragestellungen mit sich. Wie gelangen wir zu einem Codex für Blogger? Und wie schätzen wir unseren Wert ein? Wie vermitteln wir Erfahrungen und Werte an neue Blogger? Wichtig ist ein offener Diskurs. Es sollte an allen Stellen weiter diskutiert werden hier (und hierhierhier). Fühlt euch angesprochen als Milchmädchenblogger. Reflektiert euer Verhalten und überlegt was ihr euch und euren Lesern zumutet.

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