Schön teuer – Snobismus in der Mode

Ein sehr interessanter Artikel über (teure) Mode und Männer aus dem GQ Magazin:

Mode und Männer – das war noch nie ein besonders einfaches Terrain. Unser Kolumnist Marco Rechenberg traut sich trotzdem tief hinein

Männer geben jetzt damit an, wie billig ihre Kleidung ist. Wenn das mal kein Fehler ist. Der Prada-Chef Patrizio Bertelli ist immer noch stinksauer auf Burton Tansky. Vor zwei Jahren hatte der CEO der amerikanischen Luxus-Kaufhauskette Neiman Marcus sich nämlich eine ziemliche Frechheit erlaubt: An einem Tag mitten im September, drei Monate vor der Zeit, in der Sales stattfinden, hatte er Rabatte von 70 Prozent gegeben. Ich war an diesem Tag zufällig vor Ort. Kurz nach der Öffnung des Geschäfts braute sich ein Tornado zusammen aus Männern und Frauen, die durch die Gänge wirbelten, Regale leerten und eine Schneise aus zerfetztem Seidenpapier und zerrissenen Schuhkartons hinterließen. Ein großartiger Anblick. Nur Bertelli erfreute er nicht. Seine Sorge, die er neulich in einem Interview preisgab: Werden die Leute jemals wieder viel Geld für Kleidung ausgeben?

WIRKLICH INTERESSANTE TEILE SIND FAST NIE BILLIG

Sie ist nicht unberechtigt. Denn nach einer neuen amerikanischen Studie gibt es eine auffällige Veränderung im Verhalten von Männern: Sie geben nicht mehr damit an, wie teuer ihre Kleidung ist, sondern wie billig. Klar, das ist eine Reaktion auf die Wirtschaftskrise und auf verringerte Einkommen. Und natürlich spricht nichts dagegen, das key piece der Saison frühzeitig ins Visier zu nehmen und dann auf den alles entscheidenden ersten Tag des Schlussverkaufs zu warten. Oder ein paar Hundert Kilometer in ein gutes Outlet zu fahren – vor allem dann nicht, wenn dort das Prinzip eingehalten wird, „halber Preis bedeutet doppelt so Teures kaufen“, dem die entfesselten Konsumisten bei Neiman Marcus an jenem Tag im September folgten. Denjenigen, die aber grundsätzlich an der Mode sparen wollen, muss ich eine bittere Wahrheit offenbaren: Wirklich interessante Teile sind fast nie billig.

DER SNOBISMUS DER MODE?

Das hat einen sehr einfachen Grund: Etwas in ein paar Minuten Zusammengeklebtes ist eben kein Schuh, der lang Freude bringt. Eine Schneiderin, die sich tagelang in einem Keller in der Savile Row an einem Anzug abmüht, muss auch irgendwie bezahlt werden. Nun wäre es unwahr, zu behaupten, dass es nicht auch ein paar Produkte gibt, die ganz einfach herzustellen und trotzdem unglaublich teuer sind. Aber diese müssen eben immer erst mit teuren Anzeigenkampagnen und gut platzierten Boutiquen derartig mit Glamour aufgepumpt werden, dass sie für modische Menschen überhaupt attraktiv werden. Spätestens an diesem Punkt gerät man üblicherweise in eine furiose Diskussion um Oberflächlichkeit.

DIE MODE FEIERT DIE UNGLEICHHEIT

Man kann dann streiten über den Snobismus der Mode und die dem Stil eigenen Klassengedanken. Oder man kann es einfach lassen. Denn die Mode feiert nun mal die Ungleichheit. Und sie ist der Versuch, nüchterne Realität mit Kreativität und Fantasie zu besiegen, eine hässliche Welt schön oder eine verlogen-schöne hässlich zu verblasst. Man darf als Modemacher die Ästhetik des Reichseins verkaufen, ohne sich mit sozialen Fragen zu beschäftigen. Prada ist nicht die SPD. Prada verkauft Schönheit.

Aber bedeuten die Preise der Designerkollektionen nicht letzten Endes doch, dass Reichtum eine Voraussetzung für Stil ist? Nein, denn die besten Looks der Welt sieht man ja an Jungs aus Williamsburg, Shubuya und Berlin-Mitte. Also an jungen Menschen, deren Portemonnaies nicht besonders prall gefüllt sind – die aber bereit sind, für das richtige Stück tief in sie hineinzugreifen.

Marco Rechenberg – 24. September 2010

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